3. Therapiesäule: Multimodale Therapie


Endometriose wird als chronische Erkrankung verstanden, so dass wir die verschiedenen Optionen multimodale Therapie, hormonelle Therapie und/oder Operation besprechen und ein individuelles der jeweiligen Lebenssituation angepasstes Therapiekonzept gemeinsam erarbeiten. 


Wir stellen ihnen die Säulen der Behandlung im Folgenden genauer vor.


Säule 1: Die multimodale Therapie

 
Unter dem Begriff „multimodales Therapiekonzept“ verstehen wir eine Vielzahl an unterstützenden (supportiven) Maßnahmen, die Ihren monatlichen Schmerzen auf verschiedenen Ebenen begegnen. In manchen Fällen liegen keine wissenschaftlichen Beweise (keine wissenschaftliche Evidenz) dafür vor, dass die Methode hilft. Dennoch gilt in diesem Fall der Grundsatz „wer heilt hat recht“. Das soll heißen: Wenn Ihnen eine Methode hilft, braucht man keinen wissenschaftlichen Beweis dafür. 
 
Das multimodale Therapiekonzept soll Sie in jedem Fall begleiten – egal, ob Sie sich mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt für eine konservative oder operative Therapie entscheiden. Im Folgenden werden einige Methoden der Therapie vorgestellt. Es liegt danach an Ihnen diese auszuprobieren und für sich selbst herauszufinden, was Ihnen hilft. Dieser Weg kann sehr individuell sein und ist von Patientin zu Patientin unterschiedlich. Dies kann gelegentlich auch etwas Geduld und Selbstdisziplin erfordern. Manchmal ist es nämlich gar nicht so leicht, unter all den Angeboten das zu finden, was einem selbst am meisten hilft. Vielleicht eignet sich für Sie dann eine Rehabilitationsbehandlung (kurz „Reha“), bei der sie verschiedene Therapieoptionen kennenlernen. 
 
Medikamentöse Schmerztherapie
 
Während hormonelle oder operative Therapie darauf abzielen, die Endometriose selbst zu bekämpfen, ist das Ziel der medikamentösen Schmerztherapie die durch die Endometriose verursachten Schmerzen zu bekämpfen. Dies ist wichtig, da der menschliche Körper ein sogenanntes „Schmerzgedächtnis“ hat. Das bedeutet, dass der Körper bei langanhaltenden Schmerzen irgendwann auch dann Schmerzsignale ans Gehirn sendet, wenn der Schmerzreiz gar nicht mehr vorhanden ist. Man spricht dann von chronischem Schmerz. Außerdem kommt es vor, dass der Körper lange bestehenden Schmerz noch intensiver wahrnimmt. Im Verlauf wird das schmerzhafte Körperareal vergrößert und in dem sensibilisierten Bereich kann bereits eine einfache Berührung schmerzhaft sein. 
 
Aus diesem Grund wird empfohlen Schmerzen nicht tapfer zu ertragen, sondern ihnen mit geeigneten Schmerzmitteln zu begegnen. Geeignet meint hierbei, dass Menge und Dosierung ein gewisses Maß nicht überschreiten dürfen und auch nur Medikamente kombiniert werden sollten, die einen sich ergänzenden Effekt haben. Sollten Ihnen die in der Apotheke rezeptfrei käuflichen gängigen Schmerzmittel in den zugelassenen Dosierungen in manchen Situationen nicht ausreichend helfen, ist vielleicht ein stärkeres, verschreibungspflichtiges Medikament angezeigt. Sprechen Sie Ihre behandelnden Ärzte darauf an. In manchen Situationen kann es auch sinnvoll sein sich in einem Schmerzzentrum vorzustellen, um dort einen individuellen Therapieplan zu erhalten.
 
Ernährungsumstellung/Ernährungsberatung
 
Zuallererst gilt es zu betonen, dass es auch im Bereich Ernährung noch keine wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit einer bestimmten „Endometriose-Diät“ gibt. Manche Studien widersprechen sich auch und so kann keine generelle bzw. absolute Empfehlung ausgesprochen werden. Viele Frauen berichten aber, dass eine auf sie abgestimmte Ernährungsumstellung ihnen gut getan hat.
 
Besonders die Endometriose-assoziierten Darmbeschwerden (der sog endo-belly) können mit der richtigen Ernährung gelindert werden. Diesbezüglich kann es helfen Gluten und Zucker sowie Milchprodukte einmal zu reduzieren bzw. diese Lebensmittel versuchsweise ganz wegzulassen. Auch Probiotika können dabei helfen die Darmflora zu unterstützen und Darmprobleme zu reduzieren. 
 
Die wenigen Studien, die es mittlerweile bezüglich eines Zusammenhangs zwischen Ernährung und Endometrioserisiko gibt, legen nahe, dass der Verzehr von viel frischen (vorzugsweise grünem) Gemüse, Omega 3 Fettsäuren, Sojaprodukten und Milchprodukten, die viel Calcium und Vitamin D enthalten, das Risiko reduzieren. Dagegen scheinen gesättigte Fettsäuren, rotes Fleisch und Alkohol das Endometrioserisiko zu erhöhen. Bezüglich Obst und Kaffee gibt es widersprüchliche Daten, so dass diesbezüglich keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen werden kann. Es gibt außerdem Studien, die zeigten, dass antioxidative Vitamine (Vitamin A, C und E), Vitamin B, sowie Zink und Folsäure risikoreduzierend zu sein scheinen. Hochdosiertes Vitamin D konnte in Studien auch einen günstigen Effekt bei Endometriose belegen.  Auch die Substitution von Fischöl reduzierte in einer Studie das Endometrioserisiko. Dass sich Grünteeextrakt reduzierend auf Endometrioseläsionen auswirkt, ist zwar bisher nur in Tierversuchen gezeigt worden, es kann aber versuchsweise angewendet werden.
 
Manche Patientinnen reagieren bei der Aufnahme von histaminhaltigen Lebensmitteln mit verstärkten Darmbeschwerden oder sogar Schmerzzunahme, auch hier lohnt es sich zu forschen, ob hier einen Zusammenhang bestehen kann. 
 
Es ist wichtig für sich selbst herauszufinden, was einem guttut und welche Nahrungsmittel die Beschwerden verstärken. Hier bietet es sich an ein „Beschwerdetagebuch“ zu führen und genau aufzuzeichnen, was man wann gegessen und wie man sich an dem Tag gefühlt hat. Wenn man einen Versuch wagen und bestimmte Nahrungsmittel ganz vom Speiseplan streichen will, ist es sinnvoll nicht mehrere Nahrungsmittel auf einmal wegzulassen. Geht es einem nämlich besser, ist manchmal unklar auf das Weglassen welchen Nahrungsmittels die Besserung zurückzuführen ist. 
 
Bleiben Sie auf ihrem individuellen Weg neugierig und versuchen Sie Ihre Ernährung Schritt für Schritt umzustellen. Und sollte mal der Heißhunger zu groß sein, gönnen Sie sich ihr Leibgericht mit Genuss. Es ist keinem geholfen, wenn durch Gewissensbisse der Spaß am Essen und damit die Lebensqualität abnimmt. 
 
Aus den Erfahrungen der Frauen zeigt sich aber wie sehr man Einfluss nehmen kann (Bericht Anna Lena Wilken mit ihrem Buch: In der Regel bin ich stark). Daher halten wir dieses Thema auch für sehr wichtig und sind gerade dabei auch in diesem Bereich Forschungsprojekte ins Leben zu rufen. 
 
Psychisches Wohlbefinden - Psychosomatische Vorstellung oder Psychotherapie
 
Studien konnten zeigen, dass die psychische Verfassung einen großen Einfluss auf das Schmerzempfinden haben kann. So weiß man, dass Menschen mit Depressionen eine deutlich verstärkte Schmerzwahrnehmung haben. Andererseits kann im Fall von Endometriose auch die Krankheit selbst zu depressiven Stimmungen führen. Wenn Patientinnen viele Jahre von Arzt zu Arzt laufen, ohne dass ihnen geholfen wird oder aufgrund der Schmerzen ihr soziales Leben beeinträchtigt wird, ist eine psychische Belastung oft eine typische Begleiterscheinung oder wird sogar zum führenden Symptom. Dies konnten wir an unseren bisherigen Patientinnen bestätigen. In einer Masterarbeit einer Psychologiestudentin konnten wir belegen, dass mit zunehmender Schmerdauer auch das Risiko einer Depression steigt. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, kann eine psychosomatische oder psychologische Therapie sinnvoll sein. Diese kann auch dabei helfen zu akzeptieren, dass man an einer chronischen Erkrankung leidet und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. 
 
Uns liegt die psychische Gesundheit unserer Patientinnen sehr am Herzen, daher sind wir sehr glücklich, dass wir an der Charité ein umfassendes Forschungsprojekt anbieten können, ggf. wird der Arzt/Ärztin sie bezüglich einer Teilnahme ansprechen
 
Zum Bespiel möchten wir den Zusammenhang zwischen Hormoneinnahme und dem Auftreten von Depression untersuchen, zum anderen aber auch strukturierte Interviews durchführen, um auch eine bessere Kenntnis bezüglich der jeweiligen Situation zu erlangen. Hier gibt es definitiv zu wenig Forschung, das wollen wir ändern.
 
Es ist außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass es viele Patientinnen gibt deren Partnerschaft durch ihre chronische Erkrankung belastet ist. Auch das Sexleben kann durch den Endometriose-typischen Schmerz beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) beeinträchtigt sein. Scheuen Sie sich also nicht auch eine Sexual- oder Paartherapie in Erwägung zu ziehen. Auch hier haben wir eine sehr einfühlsame Kollegin, die für sie und ihren Partner/Partnerin da ist (bei Interesse erfragen Sie nach einem Termin bei Frau Dr. med. Nicole Gehrmann). 
 
Physiotherapie, Bewegung und Sport
 
Dass körperliche Bewegung und Sport einen positiven Effekt auf Körper und Seele haben, ist gut erforscht. Wie oben bereits beschrieben, hat die Psyche einen wichtigen Einfluss auf unser Schmerzempfinden. Sogenannte Endorphine werden bei körperlicher Bewegung ausgeschüttet und heben die Stimmung - eine körpereigene Methode, um das psychische Wohlbefinden zu steigern. Bei chronischen Schmerzen nehmen die Betroffenen oft eine Schonhaltung ein, die dann wiederum selbständig den Schmerzkreislauf verstärkt. Bei Endometriose-Patientinnen betrifft diese Schonhaltung und Verspannung oft den Beckenboden. Körperliche Bewegung hilft Verkrampfungen vorzubeugen oder sie zu lösen. Nebenbei werden Muskeln aufgebaut, Stress abgebaut und das Immunsystem gestärkt – dies steigert das Wohlbefinden zusätzlich. Es ist nun an Ihnen herauszufinden, welche Sportart Ihnen guttut und für Sie auch dauerhaft in Ihren Alltag zu integrieren ist. Neben Muskelaufbau ist aber auch die gezielte Beckenbodenentspannung wichtig. 
 
Vielen Frauen hilft Yoga oder Pilates, aber auch Aquasport, Lauf- oder Wandersport an der frischen Luft sind zu empfehlen. Auch von Beckenbodengymnastik profitieren viele.
 
Bei speziellen Problemen oder Fragestellungen kann Physiotherapie zusätzlich sehr hilfreich sein. Neben Übungen zur Kräftigung, Dehnung und zur Lösung von Verkrampfungen, steht die Technik der transcutanen-Elektro-Nervenstimulation mit Biofeedback (TENS) zur Verfügung. Hierbei werden niedrig-frequente Stromimpulse verwendet, die die Schmerzempfindlichkeit reduzieren sollen. Einige Kassen übernehmen diese Therapie - auch wenn abschließende wissenschaftliche Beweise über ihre Wirksamkeit (noch) fehlen.
 
Komplementäre Behandlungsverfahren - Osteopathie und traditionelle chinesische Therapie mit Akupunktur.
 
Einige Patientinnen machen gute Erfahrungen mit der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) und ihrer wichtigen Säule der Akupunktur. Auch wenn hier häufig die wissenschaftlichen Belege für eine Wirksamkeit fehlen, können diese Therapien den medizinischen Behandlungsansatz unterstützen und begleiten. Es ist hierbei wichtig einen Therapeuten zu finden, zu dem man einen guten Zugang spürt und sich wohl fühlt. 
 
Osteopathie:
 
Langanhaltende Schmerzen führen oft zu Fehlhaltungen des gesamten Bewegungsapparates. Deshalb ist hier eine ganzheitliche Behandlung erforderlich. Die Osteopathie ist in unseren Augen ein wichtiger Aspekt, denn durch gezielte manuelle Behandlung werden hier Muskeln und Faszien wieder gelöst und damit Fehlstellungen – vor allem vom Ileosacral-Gelenk – wieder gelöst. Gleichzeitig können auch der obere Schultergürtel und das Zwerchfell können betroffen sein. Manche Kassen leisten hier Zuzahlungen, so dass diese Form der Behandlung unbedingt mit integriert werden sollte. 
 
Stressreduktion und „Hausmittelchen“
 
Wie oben bereits beschrieben, ist psychisches Wohlbefinden ein wichtiger Ansatz, um ein glückliches Leben mit und trotz Endometriose zu führen. Auf sich selbst zu achten und sich Zeit für sich zu nehmen sind Schritte, die auch ohne Endometriose ein Schlüssel zu mehr innerer Ausgeglichenheit sind. Auch wenn Stress in unserem vollgepackten Alltag nie vollständig zu vermeiden ist, sollte man sich bewusste Auszeiten nehmen und Stress soweit wie möglich reduzieren.
 
Hilfreich gegen Schmerzen können auch altbekannte „Hausmittelchen“ sein, die viele Patientinnen ohnehin schon regelmäßig anwenden. Durch Wärmeanwendungen auf den schmerzhaften Bereichen oder ein warmes Wannenbad empfinden viele Frauen eine spürbare Linderung akuter Beschwerden. Bei ihnen wirkt Wärme entspannend, beruhigend und krampflösend. Auch Meditation, autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation können diesen Effekt haben.