Mythos oder Wahrheit: Rund um Endometriose

Geschrieben am 25.05.2021
von Team Frauenklinik


Migräne

Die Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die ca. 10 % der Bevölkerung betrifft, dabei überwiegend Frauen. Ein Migräneanfall ist gekennzeichnet durch pulsierende, halbseitige Kopfschmerzen, die von Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit und/oder Geräuschempfindlichkeit begleitet werden können. Bei einigen Patienten wird die Migräne auch durch eine Aura eingeleitet, bei der es auch zu neurologischen Auffälligkeiten kommen kann. Als Auslöser können hormonelle Faktoren, Stress, bestimmte Lebensmittel oder Umweltfaktoren in Frage kommen. Häufig tritt die Migräne bei Frauen in Zusammenhang mit der Menstruation auf, bei der sich die Verhältnisse der Hormone im Körper ändern. Viele Patientinnen wissen allerdings nicht, dass sie die Beschwerden auch durch die Wahl ihrer Arzneimittel beeinflussen können: Kombi-Pillen können Migräneanfälle begünstigen, reine Gestagenpräparate
zyklusabhängige Kopfschmerzen bessern. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits vor mehreren Jahren im Rahmen ihrer Leitlinien zur Familienplanung eine Empfehlung veröffentlicht, nach der Frauen mit Migräne ohne Aura mit einem reinen Gestagenpräparat im non stop Modus verhüten sollten, um die Beschwerden zu mindern und dabei nicht das Schlaganfallrisiko zu erhöhen. Frauen mit Migräne mit Aura sollten nach aktueller Datenlage von einer hormonellen Verhütung absehen. Gelegentlich ist jedoch eine hormonelle Therapie auch in diesem Fall in Rücksprache mit Ihrem behandelnden Neurologen und nach einer ausführlichen Risiko-Nutzen-Abwägung bei großem subjektivem Leidensdruck unter Endometriose und geringer Migräneaktivität möglich. Inzwischen wurden einige kleinere Studien publiziert, in denen ein Zusammenhang zwischen Endometriose und Migräne aufgezeigt wurde. Es konnte gezeigt werden, dass mehr Patientinnen mit Endometriose von Migräne betroffen sind als gesunde Probandinnen. Genauere Daten zur Häufigkeit, zu den Ursachen und auch zu möglichen Therapiekonsequenzen fehlen bisher.

Thrombose
 
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Endometriose und einem erhöhten Thromboserisiko.

Hormonelle Therapie
 
Eine hormonelle Therapie kann sehr individuelle Nebenwirkungen haben. Es lässt sich bisher leider nicht vorhersagen, ob Sie zu den Frauen gehören, die die Pille ohne Nebenwirkungen vertragen oder unter welchen Nebenwirkungen sie eventuell leiden werden. Die Verträglichkeit einer Pille zeigt sich häufig erst nach drei bis sechs Monaten, wenn der Körper sich „umgestellt“ hat. Neben zahlreichen Nebenwirkungen, die einen großen subjektiven Leidensdruck hervorrufen können, jedoch nicht lebensgefährlich sind, gibt es auch einige lebensbedrohliche Nebenwirkungen, zu denen vor allem die Thrombose, der Herzinfarkt und der Schlaganfall gehören. Diese schweren Nebenwirkungen sind zum Glück sehr selten, davon ist die Thrombose die häufigste. Nehmen 10.000 Frauen ein Jahr lang eine Kombipille, treten laut Berufsverband der Frauenärzte nach der aktuellen Studienlage Thrombosen der tiefen Beinvenen durchschnittlich bei etwa 7 bis 10 Frauen auf. Eine Thrombose liegt vor, wenn sich in einem Blutgefäß ein Blutgerinnsel bildet, Thrombus genannt. Dieser Thrombus besteht aus verschiedenen Blutzellen, u.a. den Blutplättchen (Thrombozyten) und anderen Gerinnungsbestandteilen des Blutes (z.B. Fibrin). Vor allem venöse Gefäße sind von einer Thrombose betroffen, also Gefäße, die das Blut zum Herzen transportieren. Dabei sind vor allem die tiefen Bein- und
Beckenvenen gefährdet, sodass man dann von einer tiefen Venenthrombose (TVT) spricht. Einige TVT verlaufen unbemerkt, der Großteil jedoch zeigt am betroffenen Bein meist eine Schwellung, Rötung und Überwärmung. Es besteht häufig ein Schweregefühl und eventuell auch Schmerzen, die auch nur beim Gehen auftreten können. TVT können gefährlich sein, wenn Teile des Thrombus sich lösen und zu einer Lungenembolie führen. Eine Lungenembolie kann dramatisch verlaufen und sogar den Tod zur Folge haben. Allgemein gilt, dass das Risiko für eine tiefe Venenthrombose unter Einnahme der Pille während des ersten Jahres der Einnahme eines Präparates am größten ist. Das Risiko sinkt dann wieder ab, bleibt jedoch immer noch etwas höher als bei gesunden Frauen ohne Pilleneinnahme. Diese Dynamik macht deutlich, dass die Antibabypille, wenn nicht unbedingt nötig (z.B. wegen einer Operation, Kinderwunsch, Unverträglichkeit), nicht immer wieder abgesetzt werden sollte, um nach einigen Wochen erneut mit der Pilleneinnahme zu beginnen. Bei jedem Neubeginn der Pilleneinnahme nach einer längeren Pillenpause ist das Thromboserisiko für die Dauer von etwa einem Jahr deutlicher erhöht.

Auf eine kombinierte hormonelle Verhütung sollten jedoch solche Frauen verzichten, die weitere Risikofaktoren für eine tiefe Venenthrombose aufweisen. Diese Frauen können stattdessen auf alternative Verhütungsmethoden zurückgreifen.

Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem
  • Rauchen
  • Starkes Übergewicht
  • Migräne mit Aura
  • Diabetes mellitus
  • Gerinnungsfördernde Mutationen im Gerinnungssystem des Blutes
  • Eine bereits stattgehabte TVT, Herzinfarkt oder Schlaganfall
  • Eine Familienanamnese für Thrombosen

Die heute verfügbaren Präparate führen insgesamt deutlich seltener zu Nebenwirkungen als ihre Vorgänger. Verschiedene kombinierte Pillen zeigen unterschiedlich hohe Risiken für venöse Thrombosen. Die Bewertung dieser unterschiedlichen Risiken aber auch die Bewertung des unterschiedlichen Wirkungsprofile hinsichtlich erwünschter Nebenwirkungen, wie z.B. die Therapie von Hautunreinheiten oder Akne veranlassen Ihren Arzt oder Ihre Ärztin zur Auswahl eines Präparates.
 
Nach aktueller Datenlage zeigen Pillen mit 30μg Östrogen oder weniger und Levonorgestrel als Gestagen das geringste Thromboserisiko. Noch sicherer in Bezug auf das Thromboserisiko ist demnach eine Gestagenmonotherapie (Gestagenpille oder Gestagenspirale) oder eine Pille mit dem Gestagen Levonorgestrel plus sehr niedrig dosiertem Östrogen (< 0,03 mg Ethinylestradiol). Letztendlich bleibt zusagen, dass die Risikoerhöhung für eine Thrombose durch die Pille in absoluten Zahlen nur sehr gering ist und daher auch diesbezüglich eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung bezüglich der Therapieindikation und der erwünschten Wirkungen sowie unerwünschten Wirkungen erfolgen muss.

Brustkrebs
 
Nach bisheriger Datenlage ist das Gesamtrisiko für Brustkrebs bei Frauen mit Endometriose im Vergleich zur Normalbevölkerung nicht erhöht. Es wurden mehrere Datenregister ausgewertet, darunter unter anderem ein finnisches Register von 1987 bis 2012. Dieses Register umfasste fast 50 000 Frauen mit Endometriose, die während einer Operation bestätigt werden konnte. Etwa die Hälfte der Frauen litt an Endometriose an den Eierstöcken, etwa 2000 Frauen an tief -infiltrierender Endometriose und die übrigen an Endometriose im Bauchraum (peritoneal ). Das Risiko für Brustkrebs war bei Endometriose vergleichbar mit der Normalbevölkerung.

Hormonelle Therapie

Über den Zusammenhang einer hormonellen Therapie und Brustkrebs gab es innerhalb der letzten Jahre sowohl in der Fachpresse als auch in der Laienpresse reichlich Diskussionen. Zuallererst sollte daher erwähnt werden, dass es bisher nicht ausreichend statistisch zuverlässige Studien gibt, um eine allgemeingültige abschließende Aussage über den Zusammenhang einer hormonellen Therapie und dem Auftreten von Brustkrebs zu treffen. Insbesondere die ersten größeren Studien zu Beginn des 21. Jahrhunderten zeigten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Pilleneinnahme und Brustkrebs. Der Großteil dieser Studien konnte jedoch im Nachhinein aufgrund von statistischer Schwäche oder unzureichenden Daten widerlegt werden. Nach aktueller Datenlage erhöht die Einnahme einer Kombipille über mehrere Jahre das Risiko für Brustkrebs nur minimal, dh. statistisch nicht signifikant. Dieses minimal erhöhte Risiko reduziert sich nach Beendigung der Pilleneinnahme innerhalb von fünf bis zehn Jahren auf das Niveau einer Frau ohne Pilleneinnahme. Demgegenüber müssen die Vorteile einer Pilleneinnahme gestellt werden. Dazu zählt in erster Linie eine sichere Form der Verhütung bei regelmäßiger Einnahme. Als zweiter wichtiger Vorteil der Pilleneinnahme sei die deutliche Reduktion von Eierstock- und Gebärmutterkrebs genannt. Dabei sinkt das Risiko je länger die Pille eingenommen wurde, insbesondere bei einer Einnahme ohne Pillenpause. Einige Studien zeigen zusätzlich eine Risikoreduktion für Darmkrebs. Als weiterer Punkt sollte auch hier die Symptomlinderung von Endometriosebeschwerden unter einer hormonellen Therapie im non stop Modus mit damit einhergehender Verbesserung der Lebensqualität genannt werden.
 
Das Risiko für Brustkrebs unter der Pilleneinnahme scheint nach aktuellster Datenlage für Frauen ab 40 Jahren genauer betrachtet werden zu müssen. In diesem Zeitfenster zeigt sich in einigen Studien eine statistisch nachweisbare Risikoerhöhung für Brustkrebs. Die Ursachen sind nicht abschließend geklärt. Die hormonelle Therapie ist dabei a.e. nicht Auslöser einer Brustkrebserkrankung, sondern fördert nach Entstehen des Brustkrebses durch andere Faktoren das Wachstum von hormonempfindlichen Tumoren. Auch dazu fehlen jedoch weitere belastbare Daten. Bisher gibt es keinen Nachweis, dass die hormonelle Therapie bei Frauen mit familiären Brustkrebsbelastung ein zusätzlicher Risikofaktor ist. Außerdem konnte bisher bezüglich der verschiedenen Östrogene und Gestagene in den aktuell auf dem deutschen Markt zugelassenen 162 Pillen kein Unterschied bezüglich einer Risikoerhöhung für Brustkrebs gezeigt werden. Auch die Einnahme einer Gestagenpille scheint das Risiko für Brustkrebs nach aktueller Datenlage nicht zu erhöhen.

Insgesamt bleibt jedoch zu sagen, dass die Datenlage bisher trotz der zahlreichen Frauen, die regelmäßig die Pille einnehmen, nicht ausreicht um allgemeingültige Empfehlungen zu geben. Die Einnahme einer hormonellen Therapie bleibt damit eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung, bei der es viele verschiedene Aspekte zu beachten gilt.